Kaum ist es um das Gefängnis Limmattal nach dem Ausbruch des Häftlings Hassan K. im Februar ruhiger geworden, gerät es erneut in die Schlagzeilen. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, soll ein Imam gefährliche Propaganda in das Gefängnis Limmattal und das Bezirksgericht Zürich mitgebracht haben – darunter eine Broschüre, in der die Unterwerfung aller Menschen unter das Gesetz der Scharia befürwortet und die Werte der Aufklärung kritisiert werden. Autor ist ein Salafist aus Saudi-Arabien mit Kontakten zur in Deutschland verbotenen Koranverteilungsaktion «Lies!».


Das Amt für Justizvollzug beschwichtigt: «Unser System hat funktioniert», sagt auf Anfrage die Sprecherin Rebecca de Silva.

Zusatzinfo

25.4 Prozent der Gefängnisinsassen in Dietikon sind Muslime. Die Zahl liegt leicht unter dem Durchschnitt aller Zürcher Gefängnisse: Er liegt bei gut einem Drittel. In der Zürcher Gesamtbevölkerung beträgt der Anteil Muslime etwa 6,1 Prozent. Im Bezirk Dietikon sind es 10,2 Prozent und in der Stadt Dietikon 16,8 Prozent.

«Der Imam hat das Material der Leitung des Gefängnisses Limmattal vorgelegt, diese hat es von Experten einschätzen lassen und ist zum Schluss gekommen, dass es nicht abgegeben werden darf», so de Silva. Konsequenzen muss der Imam keine befürchten: «Da kein Fehlverhalten vorliegt, können auch keine rechtlichen Schritte eingeleitet werden», so de Silva weiter.


Er habe die radikale Ausrichtung der von ihm mitgebrachten Schriften gar nicht bemerkt, rechtfertigte sich der albanische Imam im «Tages-Anzeiger». Sollte das wahr sein, drängt sich mindestens die Frage auf, ob ein Gefängnis-Imam so nachlässig handeln darf. Klar ist: Es gibt einigen Nachholbedarf, um Islamismus in Schweizer Gefängnissen zu unterbinden. So beschäftigt die Rolle der Gefängnis-Imame auch den Verein Schweizerischer Gefängnisseelsorger, in dem katholische und reformierte Seelsorger zusammengeschlossen sind.

Die verschiedenen Seelsorger und die Vertreter anderer Religionen würden sich zwar oft untereinander kennen und gut miteinander zusammenarbeiten, sagt die Präsidentin Franziska Bangerter Lindt. «Diese Zusammenarbeit ist aber nicht immer gleich gut, da sie vom Einzelnen abhängt. Ich persönlich habe zum Beispiel mit Rabbinern immer gute Erfahrungen gemacht, bei Imamen ist es aber unterschiedlich. Es ist oft eine Glückssache. Manche arbeiten am Tag als Maurer und am Abend als Imam.»


Ganz anders bei den Gefängnisseelsorgern: «Wir Gefängnisseelsorger sind zu einer längeren Ausbildung an der Universität Bern verpflichtet. Es wäre zu begrüssen, wenn auch für Gefängnis-Imame klare Regeln gelten oder wenn die Imame sich auf gemeinsame Regeln einigen könnten», sagt Bangerter Lindt.


Auch Islam-Verband unzufrieden


Auf Anfrage der Limmattaler Zeitung äussert sich auch Muris Begovic, Sekretär der Vereinigung der islamischen Organisationen Zürich (Vioz). Die Vioz ist nicht für die Gefängnis-Imame zuständig, kennt aber einen Teil davon.

«Für uns steht fest, dass ein Bedarf nach klareren Strukturen vorhanden ist. Zurzeit hätten wir aber nicht die Kapazität, um wie die Landeskirchen die Verantwortung für die religiöse Betreuung in den Gefängnissen zu übernehmen. Die Vioz ist ein ehrenamtlicher Verein», sagt Begovic. «Wir bieten aber Hand, um Strukturen zu schaffen, damit Gefängnis-Imame auch von einer muslimischen Stelle geprüft werden. Für den Aufbau solcher Strukturen setzen wir uns schon länger auf verschiedenen Ebenen ein. Er geschieht aber nicht von heute auf morgen.»


Zürcher Imame müssen wie auch Rabbiner und Seelsorger akkreditiert sein, um die Gefängnisse zu besuchen. Für das Gefängnis Limmattal spricht diese Akkreditierung die Direktion der Hauptabteilung Untersuchungsgefängnisse (UGZ). Laut de Silva haben die UGZ und die Hauptabteilung Vollzugseinrichtungen (VEZ) zurzeit etwa drei Imame akkreditiert. In den Untersuchungsgefängnissen werden Imame beim Ein- und Austritt nicht routinemässig kontrolliert, die Inhaftierten vor und nach dem Gespräch aber schon.