Eigentlich hätte er ja selbst Künstler werden wollen, damals, in Holland, als er noch im Gymi war. Doch der Traum des Bildhauerdaseins explodierte zusammen mit seinem ersten Werk aus Lehm im Ofen. «Das war wohl besser so», sagt Joris Straatman rückblickend und lacht.

So dürften es auch die bislang 37 Künstler sehen, die auf Straatmans neuer Internetplattform «Do Nxt» um einen finanziellen Zustupf buhlen.

Denn hätte Straatman seine eigene Kunstkarriere verfolgt, hätte er wohl kaum Zeit gefunden, nebenbei noch eine Community-Plattform nach der anderen auszutüfteln.

Neben der Kunst haben Straatman früh schon auch die sogenannten Mikro-Ökonomien in ihren Bann gezogen – damit beschreibt man eine Art Marktplätze, die alternativ oder parallel zu den grösseren, etablierten Wirtschaftsstrukturen existieren; das berühmteste Beispiel ist heute wohl die Ferienwohnungs-Plattform Airbnb.

Vor allem die digitale Revolution hat solchen Plattformen in wenigen Jahren enormen Aufschwung beschert.

Straatman, selbst ein Programmierer, ist mittlerweile kein Neuling mehr in dieser Welt: Der 40-Jährige hat bereits den Auto-Tausch-Markt «Sharoo» mitgegründet und hob den Design-Unikate-Webshop «1 of a 100» aus der Taufe – mit diesem teilt sich «Do Nxt» in Schlieren ein Büro in den Räumen des Innovations- und Jungunternehmerzentrums «Start Smart» an der Rütistrasse.

Grundeinkommen für Künstler

Der Kunst und ihren Schaffern ist Straatman dabei immer nahe geblieben. Mit stetig schwindenden Kulturförderungsgeldern wurde seine Motivation grösser, diesen eine neue Einkommensbasis zu erschliessen.

Denn er findet: Künstlerinnen und Künstler sollen sich nicht mit Gelegenheitsjobs herumschlagen müssen, die ihnen für die weitere Karriere nichts bringen, an denen aufgrund des berufsbedingt unregelmässigen Einkommens aber häufig kein Weg vorbeiführt.

«Gerade für Neueinsteiger ist es wahnsinnig hart, über die Runden zu kommen», sagt Straatman. Kunstschaffende bräuchten eine Art Grundeinkommen, damit sie sich voll ihrer Kunst widmen können – «die anderen Leuten im Gegenzug ja auch Freude bereitet».

«Do Nxt» funktioniert so: Kunstschaffende aus diversen Sparten können sich und ihr Werk auf der Website präsentieren und Unterstützungsoptionen anbieten.

Gefällt den Besuchern das Dargebotene, können diese via integrierte Bezahlplattform monatlich zwischen 2 und 99 Franken an die Künstler entrichten.

Wie diese sich dafür bedanken, ist ihnen überlassen – und variiert aufgrund der verschiedenen Kunstformen auch stark.

Bei Musikern etwa kann die Belohnung ein Gratis-Song pro Monat sein, bei bildenden Künstlern ein Atelierbesuch oder bei Filmemachern ein Downloadlink auf ihr letztes Werk.

Pro Spende geben die Kunstschaffenden fünf Prozent des Beitrags den Betreibern ab, zudem müssen sie für die Transaktionskosten aufkommen.

Joris Straatman

Guter Start lässt Straatman hoffen

Nur zwei Wochen nach Start wird «Do Nxt» bereits fleissig besucht. Nicht nur haben sich schon über 140 Künstler beworben – das sind zehn Anfragen pro Tag –, deren Anfragen nun kontinuierlich geprüft und aufgeschaltet werden.

Das «Do Nxt»-Team kuratiert die Seite; nicht jeder, der sich für einen Künstler hält, erhält darauf automatisch einen Platz.

Auch Kunstmäzene haben sich bereits gefunden: 41 Unterstützungen seien bislang getätigt worden – eine Bilanz, mit der Straatman mehr als zufrieden ist.

Zumal vielen der Künstlerprofile zurzeit erst noch der Feinschliff verpasst werde und auch die Firma selbst noch keine Werbung gemacht hat.

Dazu kommt: Geschäftsmodelle wie jenes von «Do Nxt», die auf einem erhofften Schneeballeffekt beruhen, brauchen immer eine Weile, um ihre volle Kraft zu entfalten.

Die Besucher der Website kommen zurzeit noch zu 90 Prozent aus der Schweiz. Auch die meisten Künstler sind von hier, obwohl dies keine Voraussetzung ist.

Doch Straatman schielt bereits auf den Markt im Ausland. In den Niederlanden, Straatmans Herkunftsland, wurde bereits ein Mitarbeiter eingestellt, in sechs Monaten will er mit der Plattform in Deutschland angekommen sein.

Der sportliche Zeitplan könnte aufgehen. Denn «Do Nxt» stellt europaweit die erste Gelegenheit dar, die Künstlern erlaubt, auf diese Art und Weise Geld zu generieren.

Zwar gibt es diverse Crowdfunding-Plattformen, die auf demselben Grundprinzip der Schwarmfinanzierung beruhen. Doch auf diesen muss ein im Voraus definiertes Geldziel erreicht werden, sonst fliessen nach einer gewissen Frist die ganzen Unterstützungsbeiträge zurück an die Spender.

Denn auf «We make it» und Co. kann man nur Gelder für Projekte spenden. «Do Nxt» hingegen hat mit dem Grundeinkommens-Ansatz eine nachhaltigere Vision. Denn: «Künstler sind ein Leben lang Künstler», sagt Straatman; deren Geldprobleme verschwinden nicht, sobald sie ein Projekt erfolgreich finanziert haben.

In Amerika funktionerts

In den USA gibt es bereits ein ähnliches Angebot namens «Patreon», das aber auf den amerikanischen Markt beschränkt ist.

«Patreon», das vor drei Jahren online ging, laufe heute selbsttragend, sagt Straatman. Auch viele Künstler könnten von den dort generierten Geldern leben – «für einige von ihnen kommen monatlich gut 50 000 Franken zusammen».

Auch er hofft, dass sich auf seiner Website im Laufe der Zeit Zugpferde etablieren werden, die der ganzen Seite mehr Besuche und so auch den unbekannteren Künstlern eine grössere Reichweite – und die Motivation, dranzubleiben – bescheren.

Und dass auch «Do Nxt» bald kostendeckend läuft, ist für ihn fast schon eine Gewissheit. Er plant bereits viel weiter: Bald soll ein Webshop für Kunstwerke und Veranstaltungstickets in die Seite integriert werden, auch ein separater Zugang für Firmen, Stiftungen und Institutionen, über den grössere Summen verwaltet werden können, ist in Planung.

Dem Standort Schlieren will Straatman auch treu bleiben, wenn die Firma wächst. Innerhalb der Start-Smart-Niederlassungen könnte die Firma schnell in grössere Büros wechseln, sollte der erhoffte Erfolg bald zu mehr Personalbedarf führen.

Aramis Navarro

Aramis Navarro

Aramis Navarro

Aramis Navarro hat vor einem Jahr die Kunstschule abgebrochen und konzentriert sich seither voll auf die Kunst, genauer: seine Skulpturen und die Malerei.

In Rapperswil kann der 24-Jährige in einem privat subventionierten Atelier arbeiten, auch kann er immer wieder mal Grafikerarbeiten ausführen, die etwas Geld bringen; auch hatte er im letzten Jahr zwei erfolgreiche Ausstellungen zu verbuchen.

Es sind also nicht primär die Geldsorgen, die Navarro überzeugten, bei «Do Nxt» mitzumachen. «Natürlich lebe ich nicht auf grossem Fuss. Aber das ist auch nicht das Ziel meines Auftritts auf der Plattform.»

Aramis Navarro

Er sei per Zufall im Internet auf «Do Nxt» gestossen und habe sich gedacht: «Das probiere ich jetzt mal aus.» Navarro verspricht sich davon vor allem Aufmerksamkeit von einem Publikum, das er bisher noch nicht erreicht hat.

Anfangs habe er Mühe gehabt, seine «Belohnungen» zu definieren. Ein Mitarbeiter von «Do Nxt» habe ihn dann beraten. Nun bietet Navarro zum Beispiel einen limitierten, von Hand gezeichneten Druck an, den bekommt, wer ihm 9 Monate lang jeweils 7 Franken spendet.

Für 99 Franken pro Monat – dem Maximalbetrag – bekommt man nach Jahresfrist entweder eine von Navarros Skulpturen oder darf bei ihm Porträt sitzen – Kaffee und Kuchen im Atelier in Rapperswil inbegriffen.

Wer ihn hingegen ein Jahr lang mit 12 Franken pro Monat unterstützen will, wird dort bekocht. Auf diese Weise hat er bereits nach wenigen Tagen zwei Unterstützer gefunden – und er ist überzeugt, dass «Do Nxt» grosses Potenzial hat.

Tullio Zanovello

Tullio Zanovello

Tullio Zanovello

Der Zürcher Künstler und Komponist Tullio Zanovello, der sich auf Bildmaschinen spezialisiert hat, erhofft sich von «Do Nxt» etwas Planungssicherheit. Denn eine gewisse finanzielle Konstanz hinzubringen, sei etwas vom Schwierigsten im Künstlerleben.

«Es gibt in meinem Leben immer wieder Zeiten, in denen ich Mühe habe, über die Runden zu kommen», sagt er – trotz Nebenjobs. Diese würde er allerdings auch nicht missen wollen: «Das bewahrt einen davor, in schwierigen kreativen Phasen in ein Loch zu fallen.»

Aber es sei schon so: Es werde immer schwieriger, als Künstler genug Geld zu generieren. Gerade die Digitalisierung – die er nun zu seinen Gunsten zu nutzen versucht – habe «das Bild zur regelrechten Inflationsware» gemacht. «Der Respekt für das Original ist geschwunden», sagt Zanovello.

Tullio Zanovello


Im Gegensatz zu herkömmlichen Crowdfunding-Plattformen schätzt er an «Do Nxt», dass Unterstützungsbeiträge nicht entfallen, wenn die veranschlagte Summe nicht zusammenkommt.

Passiere dies, habe man nämlich nicht nur nichts gewonnen, sondern auch umsonst viel Arbeit in einen Webauftritt investiert. Noch ist er zwar skeptisch, ob das Konzept auch wirklich ankommt: «Wenn jemand das Werk eines Künstlers schätzt, heisst das noch lange nicht, dass er dafür auch Geld ausgibt», sagt er.

Er hat bisher auch noch keine Beiträge über die Plattform bekommen – das liege aber nur daran, dass er die Bekanntgabe seiner Teilnahme auf Mitte März verschoben hat; dann soll klar sein, ob er einen grossen Auftrag für ein künftiges Projekt bekommen wird.
Dennoch sieht er Potenzial in der Idee von «Do Nxt».

Die Möglichkeit, kleine Beiträge zu spenden, könne durchaus etwas mehr Leute bewegen, mitzumachen. Er wolle die Plattform nun einfach einmal ausprobieren. «Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ich dadurch Leute erreiche, die ihre Wertschätzung auch finanziell zum Ausdruck bringen.»

Seine eigene Wertschätzung den Unterstützern gegenüber bringt er zum Beispiel mit Atelierführungen oder Werkskizzen zum Ausdruck. 

Gianluca Trifilo

Gianluca Trifilo

Gianluca Trifilo

Auch der 33-jährige Gianluca Trifilo präsentiert sich auf «Do Nxt». Ihm gefällt am Konzept vor allem, dass es den möglichen Spenderkreis erweitert. In der Schweiz seien es sonst immer dieselben paar Leute, die über staatliche Förderungsbeiträge bestimmen.

«‹Do Nxt› ist eine grössere Plattform, auf der jeder unterstützen kann, was ihm gefällt – und man kann die unterstützte Arbeit ganz einfach über Jahre hinweg verfolgen», so Trifilo, der zurzeit an einem grossen Audio-Projekt zum Zürcher Platzspitz arbeitet.

Von seiner Kunst kann der Fine-Arts-Student heute noch längst nicht leben. Auch er schlägt sich mit Nebenjobs im Kulturbetrieb durch. Über «Do Nxt» hat er bisher noch keine Beiträge erhalten.

Das liege aber auch an ihm: Er müsse sein Portfolio noch etwas polieren, damit potenzielle Unterstützer auch sehen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Bei ihm kriegt man für dieses etwa signierte Schallplatten oder eine persönliche Erwähnung auf dem Cover des fertigen Stücks.

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Dominance Crew

Leonid