Kurz vor dem vereinbarten Interviewtermin ruft sie direkt vom Flughafen an. Ihr Flugzeug aus Kenia habe Verspätung gehabt, sagt Yvonne Brändle-Amolo. Als sie etwas später auf der Redaktion eintrifft, entschuldigt sie sich. Pünktlichkeit ist ihr wichtig.

Im «Club» des Schweizer Fernsehens haben Sie als eine der wichtigsten Schweizer Eigenschaft die Pünktlichkeit genannt.
Yvonne Brändle-Amolo: An meinem Bedürfnis nach Pünktlichkeit merke ich, wie schweizerisch ich geworden bin. Das habe ich jetzt wieder in Kenia gemerkt. Als der Bus zu meiner Mutter einfach nicht losfahren wollte, habe ich mich unglaublich aufgeregt (lacht).

Wie wird in Kenia Weihnachten gefeiert?
Die Leute sparen das ganze Jahr Geld und machen ein riesiges Fest, das oft schon am 15. Dezember beginnt. Es wird viel getrunken und gegessen. Am 23. gehen wir in die Kirche, knien nieder und beten bis zum Morgen. Zwischendurch gibt es etwas Wasser. Manche bleiben sogar noch eine weitere Nacht.

Sie auch?
Das würde ich nicht schaffen. Ich ging um 8 Uhr abends in die Kirche und blieb bis 5 Uhr morgens.

Ist Ihnen Religion wichtig?
Ja. Aber hier in der Schweiz suche ich noch eine Kirche, die meinem pluralistischen und multikulturellen Glauben eine Heimat bietet. Mein Vater ist Muslim aus dem Sudan und meine Mutter kenianische Katholikin. Ich habe mich für keine dieser Religionen entschieden, sondern lebe beide: Ich war auf einer katholischen Hochschule, gehe aber auch ab und zu in eine Moschee.

1.-August-Rede 2015 in Oberengstringen: Yvonne Apiyo Brändle-Amolo begeistert SVP-Hochburg.

Oberengstringen

2015 war ein turbulentes Jahr für Sie. Der kenianische Pavillon an der Biennale, wo Sie Ihre Kunst ausgestellt haben, wurde abgesagt, und im Vorfeld Ihrer 1.-August-Rede in Oberengstringen wurden Sie aus rassistischen Gründen angefeindet.
Kürzlich habe ich realisiert, was für ein ereignisreiches, aber auch erfolgreiches Jahr ich hinter mir habe. Durch all diese Ereignisse habe ich gemerkt, dass ich sehr gut unter Stress arbeiten kann. Weil all diese Dinge neu für mich waren, wurde ich von den Auswirkungen meiner Engagements überrascht.

Heisst das, Sie werden in Zukunft vorsichtiger sein, auf was Sie sich einlassen?
Vielleicht vorsichtiger, aber nicht ängstlich. Ich richte mich nach meinem Bauchgefühl und sage fast immer ja, wenn ich von einer Sache überzeugt bin. Meine Mutter sagt, das sei manchmal gefährlich. Es muss viel passieren, dass ich ein Engagement ablehne. Bei der 1.-August-Rede war ich aber kurz davor.

In dieser Rede haben Sie die Schweiz als ein offenes und tolerantes Land dargestellt, kurz nachdem man Sie diskriminiert hat. Ist das ein trotziger Optimismus?
(Lacht) Ja, genau das ist es. Aber man kann es auch anders sehen: Die Leute, die infrage stellen, dass ich eine richtige Schweizerin bin, verbindet doch auch eine gewisse Solidarität.

Geht es nicht zu weit, das als Solidarität zu bezeichnen?
Ja, vielleicht. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass man diesen Leuten zeigen kann, dass Menschen wie ich die gleiche Solidarität geben und erwarten können wie jede Schweizerin und jeder Schweizer.

Wie sieht Ihr Jahr 2016 aus?
Im Herbst schliesse ich meinen Master in interkultureller Kommunikation ab und recherchiere bereits für meine Abschlussarbeit. Daneben treibe ich mein Modelabel «Djungle Queen» weiter voran, halte Vorträge und suche neue Sponsoren für meine sozialen Projekte in Kenia.

Werden Sie auch Zeit haben fürs Jodeln?
Hoffentlich! Letztes Jahr musste ich dem Jodelklub Dietikon absagen. Das hat mir sehr wehgetan.

Stimmt es, dass das Jodeln Ihnen dabei geholfen hat, sich zu integrieren?
Sehr sogar. Als ich 2003 angefangen habe zu Jodeln, habe ich noch in Gossau gewohnt und einige unschöne Erfahrungen gemacht. Einmal setzte ich mich im Bus neben einen älteren Herrn, worauf dieser auf einen anderen Platz gewechselt hat. Zuerst war ich verwirrt und habe dann gemerkt, dass es mit meiner Hautfarbe zu tun hat. Ich wollte etwas unternehmen und dachte: Du musst den Menschen in ihrer eigenen Sprache begegnen. Da ich gern singe und noch gar kein Deutsch konnte, habe ich einfach «Swiss traditional music» gegoogelt und bin aufs Jodeln und auf eine Adresse von einem Jodelklub in Appenzell gestossen. Dort habe ich mich dann gemeldet.

Schon lange mit der Schweiz verbunden: Yvonne Apiyo Braendle-Amolo 2008 beim Jodeln am Eidgenössischen Jodlerfest.

Die Koreanerin Heeja Kim jodelt seit 25 Jahren, und die Kenianerin Yvonne Brändle-Amolo tritt mit Toggenburgern zusammen auf. Beiden hat das Jodeln den Zugang zur hiesigen Sprache und die Integration erleichtert. Die Rundschau hat sie am eidgenössischen Jodlerfest begleitet.

Wie wurden Sie empfangen?
Sehr herzlich. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, in der Schweiz wirklich willkommen zu sein. Und dann habe ich etwas Interessantes festgestellt: Zwischen Schweizerdeutsch und meiner kenianischen Muttersprache gibt es viele phonetische Ähnlichkeiten. So konnte ich jodeln, bevor ich Deutsch konnte.

Wieso sind Sie danach gerade nach Weiningen gezogen?
Auch das hat mit dem Jodeln zu tun. Als ich in Zürich eine Wohnung gesucht habe, wurde ich immer wieder abgelehnt, sobald man von meinem Migrationshintergrund erfahren hat. Einer der Organisatoren einer Messe in Zürich, wo ich gejodelt habe, hat mir als Gegenleistung meine jetzige Wohnung in Weiningen vermittelt.

Fühlen Sie sich im Limmattal zu Hause?
Obwohl ich ursprünglich in Zürich leben wollte, fühle ich mich hier sehr wohl. Es beruhigt mich, mit dem Velo der Limmat entlang zu fahren und gleich neben meiner Wohnung die offene Landschaft zu sehen. Umgekehrt kann ich mich mit Leuten aus der Stadt identifizieren, wenn es um Kultur und Offenheit für soziale Innovationen geht.

Das heisst, Sie bleiben uns noch eine Weile erhalten?
Auf jeden Fall. Das ist jetzt meine Heimat und so schnell gebe ich dieses Gefühl nicht auf.