Es war der 31. August 1985, als in Schlieren die Erde stillstand: Die Schweizerische Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren (SWS), genannt Wagi, schloss aus wirtschaftlichen Gründen ihre Tore. Massive Proteste konnten das Ende einer Ära nicht aufhalten. Der Schlieremer Patrick Bigler war damals fünf Jahre alt und wohnte in unmittelbarer Nähe zur Fabrik.

Er war zu jung, um zu verstehen, was genau vor sich ging. Aber dass etwas Unfassbares geschehen war, war auch ihm klar. Heute ist Bigler Vorstandsmitglied des Vereins «Historisches Erbe Schweizerische Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren» – kurz: Historic Schlieren. «Die Wagi ist mehr als nur eine Busstation, wie viele Leute heute glauben», sagt Bigler.

Er selbst hatte nie direkt mit der SWS zu tun, die Erinnerungen aus seinem Umfeld prägten ihn allerdings sehr. «Mein erster Vortrag handelte von der Wagi», erinnert er sich.

Ein Museum auf vielen Ebenen

Gegründet wurde der Verein 2007 als Interessensgemeinschaft (IG) von Thomas Stauber und Georges Peier, deren Sammelleidenschaft zur Berufung wurde. Damals noch an die Vereinigung Heimatkunde Schlieren angegliedert, werden dort bis heute unzählige Archivbestände oder Fabrikerzeugnisse der SWS aufbewahrt.

Mittlerweile benötigt man aber mehr Platz – sei es räumlich oder im kollektiven Gedächtnis. Im April dieses Jahres wurde die IG in einen Verein umgewandelt, als Gründungsmitglieder fungierten neben Stauber und Peier auch Patrick Bigler. Er ist der Leiter für das historische Erbe der Fabrik. Seine Aufgabe ist die Recherche sowie die Vernetzung. Ausserdem unterhält er die Vereinswebsite.

Sie ist ein digitales Museum mit einer Fülle an Informationen und Bildern, die laufend erweitert werden. «Wir erhalten viele Anfragen nach alten Plänen oder auch von ehemaligen Mitarbeitern, die ihre damaligen Kollegen suchen.»

Das nächste Ziel von Historic Schlieren sei ein Ausstellungsort, an dem die umfassende Sammlung dauerhaft gezeigt werden kann, sagt Bigler. Eine Lokalität auf dem Wagi-Areal habe man bereits gefunden.

Die Verhandlungen mit dem Vermieter sowie der Stadt laufen – denn es ist auch eine Frage der Finanzen. Historische Wagen oder Aufzüge werde man dort aber vorerst nicht bestaunen können: «Für den Verein steht die Geschichte im Vordergrund, nicht der Unterhalt von Rohmaterial», hält Bigler fest.

Das Rollmaterial der Wagi hat an diesem Wochenende einen grossen Auftritt. Denn Historic Schlieren ist am Fahrzeugtreffen des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland in Bauma prominent vertreten. Es ist das erste Mal seit 31 Jahren, dass die Wagi wieder «aktiv» wird.

Auch ein vor über 100 Jahren in der Wagi gebauter Feldschlösschen-Brauereiwagen wird dort zu sehen sein. Um ihn rankt sich ein Mysterium: «Der Wagen lässt sich nicht mehr öffnen, also wissen wir nicht, was sich darin befindet», so Bigler. Sechs weitere Schienenfahrzeuge aus der Wagi sind ebenfalls auf dem Gelände anzutreffen. Die SWS wird also quasi wieder eröffnet: als gelebte Geschichte.