Diesen Arbeitstag wird Janine Retsch nicht so schnell vergessen. «Es war wie im Film», schildert die junge Frau den Selbstunfall eines Lastwagenfahrers bei der Autobahnausfahrt Urdorf Nord gestern Dienstagvormittag, den sie hautnah miterlebt hat: Die Irrfahrt des Chauffeurs der Weininger Firma Richi, der mit dem Fahrzeug eine sechs Meter hohe Böschung an der Bernstrasse hinunterstürzte, endete in der Fassade des Gebäudes, in dem die junge Frau für die Firma Sulzer Beschriftungen arbeitet. «Der Lastwagen flog durch die Luft und in die Hauswand unter mir», schildert Retsch. Sie habe genau in diesem Moment aus dem Fenster geschaut. Den Aufprall des Fahrzeuges habe sie zwar nicht gespürt, dafür aber gehört.

«Es hat mächtig geknallt.»

Nachdem sie zunächst «etwa zwei Sekunden» verarbeiten musste, was sich vor ihren Augen gerade abgespielt hatte, zögerte die 24-Jährige nicht lange. Nach kurzer Absprache mit ihrem Chef eilte sie dem Chauffeur zur Hilfe. Aus einem Fenster des Gewerbehauses kletterte sie auf die Fahrerkabine des Lastwagens, der auf der Seite liegend zum Stillstand gekommen war. «Ich war nicht als Erste beim Lastwagen. Aber ich hatte als einzige Zugang zur Kabine», erklärt Retsch am späteren Nachmittag, während am Unfallort nach wie vor Rettungskräfte, Polizei und Angestellte der Firma Richi mit der Bergung des Lastwagens und der Umleitung des Verkehrs beschäftigt sind.

Hier wird der beschädigte Lastwagen abgeschleppt.

Kaum äussere Verletzungen

Zuerst sei sie schon ziemlich aufgeregt gewesen, sagt Retsch. «Ich wusste ja nicht, in welchem Zustand der Fahrer ist.» Als dieser aber aus eigener Kraft aus der Kabine geklettert sei, habe sich die Aufregung gelegt. «Ich habe mit dem Mann gesprochen und ihn beruhigt, bis die Rettungskräfte eingetroffen sind», so Retsch. Erstaunlicherweise habe der Lastwagenfahrer kaum äussere Verletzungen aufgewiesen. «Und das, obwohl sämtliche Scheiben der Kabine in die Brüche gegangen waren und Tausende Scherben herumlagen.» Sie selber habe sich am Fuss geschnitten, dies aber zunächst gar nicht gemerkt. Retsch sieht ihren mutigen Einsatz nicht als Heldentat. «Es hätte jeder so gehandelt, das ist doch normal», sagt sie bescheiden. «Ich bin einfach gottenfroh, dass der Fahrer den Unfall überlebt hat.» Das sieht auch Marcel Signer von der Bau Partner AG so. Der Firma gehört das Gebäude, in das der Lastwagen gekracht ist. Der Schaden an der Wand sei gering, sagt Signer. «Wichtig ist ohnehin, dass der Chauffeur noch lebt.»

Hier wird der beschädigte Lastwagen abgeschleppt.

Gemäss einer Mitteilung der Kantonspolizei wurde der Lastwagenfahrer von der Feuerwehr mit einer Drehleiter geborgen und nach einer Erstversorgung durch die Ambulanz mit unbestimmten Verletzungen ins Spital gebracht. Die Gründe für den Unfall sind bislang unbekannt. Laut Polizei verliess der Chauffeur kurz nach 10.30 Uhr mit dem mit Kies beladenen Lastwagen die Autobahn. Er wollte nach rechts in die Bernstrasse abbiegen, fuhr aber aus bislang unbekannten Gründen geradeaus quer über die Gegenfahrbahn und stürzte sechs Meter die Wiesenböschung zum Schäflibach hinunter, der an dieser Stelle der Bernstrasse entlangfliesst. Die Strasse wurde für die Bergungsarbeiten für mehrere Stunden komplett gesperrt und erst kurz vor 16 Uhr wieder für den Verkehr freigegeben.

Der Lastwagen wurde mit einem Kran auf einen Transporter auf der Bernstrasse gehoben. Da beim Unfall Treibstoff und Kühlflüssigkeit in den Schäflibach liefen, musste die Feuerwehr eine Bachsperre errichten. Aufgrund erster Erkenntnisse bestehe aber keine Gefahr für die Umwelt, teilte die Polizei gestern mit.