Nach 15 Jahren harten Ringens triumphiert die Birmensdorferin Hélène Vuille im Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln: Die Genossenschaft Migros Zürich unterzeichnete einen Vertrag, in dem sie sich verpflichtet, Tagesfrischprodukte wie Sandwiches und Patisserieprodukte nach Ladenschluss gratis an das Hilfswerk Caritas und andere soziale Einrichtungen abzugeben.

Das Verkaufsdatum dieser Produkte ist dann zwar abgelaufen, sie sind aber noch geniessbar. «Das ist ein Riesenerfolg», freut sich Vuille. «Jetzt habe ich schwarz auf weiss, dass mein Vorhaben im ganzen Kanton umgesetzt werden kann.»

Seit 1998 holt die Autorin zweimal wöchentlich bei einer Migros-Filiale in Wiedikon abgelaufene Lebensmittel und bringt diese einem Obdachlosenhospiz im Zürcher Kreis 4. Vergangenes Jahr schrieb sie ein Buch über ihre Begegnungen mit den Bedürftigen und deren Schicksale mit dem Titel «Im Himmel gestrandet» (die Limmattaler Zeitung berichtete).

Nachdem ihr die Erlaubnis, Tagesfrischprodukte abzuholen, vom zuständigen Filialleiter per Handschlag zugesichert wurde, wollte sie ihr Projekt auf weitere Filialen und Hospize ausdehnen. Dabei stiess sie bei der Migros aber auf taube Ohren. Fehlende Logistik, Produktehaftung und die Kosten wurden als Gegenargumente angeführt.

Caritas wurde zur Mitstreiterin

Beim Ringen mit der Migros fand Vuille im Hilfswerk Caritas eine Mitstreiterin. Gemeinsam gelang es ihnen, einen Vertrag mit der Grossistin auszuhandeln, welcher nun der Limmattaler Zeitung vorliegt. Er sieht vor, dass die Migros in allen Filialen im Kanton Zürich prüft, ob eine Abgabe von Tagesfrischprodukten nach Ladenschluss an Hilfsorganisationen möglich ist.

Meldet die Caritas oder eine andere soziale Institution Bedarf an, so wird abgeklärt, ob am entsprechenden Standort genügend Warenfluss für regelmässige Abgaben vorhanden ist. Die Caritas organisiert ihrerseits die Transporte mithilfe freiwilliger Fahrer und garantiert gegenüber der Migros die vorschriftsgemässe Lagerung der Produkte bis zur Ablieferung. «Wir sind froh, dass die Migros uns Hand bietet», sagt Max Elmiger, der Direktor der Caritas Zürich. Abnehmer für die Lebensmittel gebe es genug. «Sie nehmen Esswaren gerne an, wenn man sie ihnen liefert», sagt er.

Doch genau darin liegt die Krux: Wegen der verlängerten Ladenöffnungszeiten ist es immer schwieriger, Freiwillige für die Lieferfahrten zu finden, wie Elmiger sagt: «Viele Arbeitstätige sind nicht bereit, nach 20 Uhr noch Fronarbeit zu leisten.» Mit der Bereitschaft von Freiwilligen, solche Einsätze zu leisten, steht und fällt das Projekt, für das Vuille und die Caritas kämpften. Denn: Für das Hilfswerk ist es laut Elmiger zu teuer, eigene Angestellte damit zu betrauen.

Um eine soziale Institution regelmässig beliefern zu können, sind zwei oder drei Personen nötig, die ein oder zweimal wöchentlich rund eineinhalb Stunden ihrer Freizeit für solche Fahrten opfern. «Wir hoffen, dass sich ausreichend Fahrerinnen und Fahrer finden lassen», sagt Vuille. An Lesungen, an denen sie ihr Buch über die Obdachlosen aus dem Hospiz vorstellt, werbe sie im Publikum immer dafür, sich zu melden.

Die Autorin sieht eine andere Lösung des Problems darin, dass die Sozialabteilungen in den Gemeinden Teilnehmende von Arbeitsintegrationsprojekten als Fahrer für die Lieferungen einsetzen. Auch die Caritas erachtet den Einsatz von Arbeitslosen als denkbar, wie Elmiger sagt.

Verschwendung: Bund sucht Lösungen

Der Bund will zusammen mit Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft Lösungen zur Reduktion der Abfälle entwickeln, wie das Bundesamt für Landwirtschaft gestern in einer Medienmitteilung verlauten liess. An einer Tagung in Bern wurde entschieden, ergänzend zu privaten Initiativen die Themen Datierung von Nahrungsmitteln, Bildung, Sensibilisierung und Information der Bevölkerung sowie die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen zu vertiefen. Resultate sollen im Frühling 2014 vorliegen. (fni)

Bund sucht nach Lösungen

Vuille kämpft derweil weiter. Sie will eine Gesetzesänderung erwirken, mit der Grossisten schweizweit verpflichtet werden, Tagesfrischprodukte an zertifizierte Abnehmer gratis abzugeben. Auf ihr Weibeln hin lancierten die Nationalrätinnen Ida Glanzmann (CVP) und Isabelle Chevalley (Grünliberale) entsprechende Vorstösse.

Am Montag teilte der Bund nun mit, dass er bis Frühling 2014 nach Lösungen im Kampf gegen Nahrungsmittelabfälle sucht und dabei auch die Zusammenarbeit mit Hilfswerken thematisiert (siehe Box). Die Caritas Zürich konnte derweil den Gastro-Grossisten Aligro davon überzeugen, dass sie einmal wöchentlich kostenlos Gemüse in seiner Schlieremer Filiale abholen darf.

Freiwillige für Lieferfahrten melden sich unter Telefon 044 366 68 02.