«Silver Cube» nennt sich das fünfgeschossige Geschäftshaus im Urdorfer Industriequartier, das vor 25 Jahren erbaut wurde. Ganz zuoberst im «silbernen Würfel» ist das Architekturbüro Meyer beheimatet. Blickt Günter Schröder aus dem Fenster, dann hat er eine atemberaubende Aussicht über Urdorf. Die Gemeinde, der er wohl wie kein anderer Architekt seinen Stempel aufgedrückt hat. «Rund die Hälfte unserer Aufträge stammen von hier», sagt der 66-Jährige. Gegen die Bezeichnungen «Hofarchitekt» oder «Hausarchitekt» wehrt sich Schröder jedoch. Diese Begriffe gebe es wegen der Vergabepraktiken mit Submissionsverfahren in der Branche längst nicht mehr. «Wir bewerben uns immer wieder für Aufträge und unsere Projekte für Urdorf stossen bei den Verantwortlichen auf Anklang.»

In den frühen 1990er-Jahren sanierte das Büro Hallenbad und Zentrumshalle. Es folgten das Freibad Weihermatt und die «alte Post», die zum Haus B der Gemeindeverwaltung werden sollte. Mit dem Umbau der Präsidialabteilung 2004 und der vier Jahre später durchgeführten Gesamtsanierung der Stiftung Solvita konkretisierte sich das Gesamtwerk. Mit einer bunten Fassadengestaltung für die Stiftung für Menschen mit Behinderung setzten die Architekten Akzente im Aussenraum. Nach der Sanierung des Embrisaals 2011 sind Schröder und Teilhaber René Stamm derzeit mit drei Projekten in der Gemeinde beauftragt: die Sanierung des Bachschulhauses, die Aufwertung des Gemeinderatssaals und die Erweiterung des Pfarr- und Verwaltungsgebäudes der katholischen Kirche.

Man kennt die Finanzlage

Dem zwischen Friedhof- und Birmensdorferstrasse eingeklemmten Bachschulhaus sieht man die Sanierungsarbeiten von aussen noch nicht wirklich an. Nur die Absperrung um das Gebäude, die Bausperrgutmulden und die frischbetonierten, noch eingepackten Treppengeländer deuten auf Veränderung hin. Im Inneren hingegen ist fast nichts mehr, wie es einmal war. Die nackten Wände des 1838 erstellten Hauses verströmen den typischen Baustellen-Geruch. Die hier beheimatete Gemeindebibliothek zog vorübergehend ins Gemeindehaus, sodass Schröder und Stamm hier 1,6 Millionen Franken verbauen können. «Wir sind uns der knappen Finanzen Urdorfs bewusst», sagt Schröder, der seit nunmehr 30 Jahren in der Gemeinde wohnt. Dies zeige sich natürlich auch bei der Sanierung. Zwar würde man stets günstige und effiziente Lösungen suchen, «doch hätten wir schon mehr Ideen gehabt, für die man mehr Geld in die Hand hätte nehmen müssen.»

Die Bibliothek erhält zusätzlich zum Erdgeschoss ein weiteres Halbgeschoss. Eine der beiden Estrichhälften wird zu einem von weiterhin drei Sitzungszimmern für Vereine, die neu mittels separatem Eingang über die bestehende Treppe erschlossen werden. Das kulturhistorische Schutzobjekt der Gemeinde erhält somit ein neues Innenleben. Kleinere Überraschungen gab es in der ersten Phase der Arbeiten einige. So traten tragende Holzriegelbalken im Mauerwerk hinter abgerissenen Wänden hervor, gewisse Steinwände wurden mit Stroh gefestigt. «Dies sind jedoch keine Dinge, die uns aus dem Konzept bringen», sagt Stamm. «Schliesslich haben wir keinen Röntgenblick», ergänzt Schröder.

Fast alles, was eine Gemeinde zu bieten hat, hat Schröder in Urdorf um-, aus- oder von Grund auf gebaut. Bei der Frage, welches Projekt ihm noch fehle, welches er noch gerne realisiert hätte, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: «Das ist zweifelsohne das Bachschulhaus.» Für die Gemeinde sei es wegen der zentralen Lage, der historischen Bedeutung und seiner Funktion als Treffpunkt unglaublich wichtig. «Zudem besuchte meine Frau hier die Schule.»

Das Architekturbüro Meyer SIA AG hat sich auf Sanierungen spezialisiert. Diese Tugend entstand jedoch aus einer Not heraus: «Als kleines Architekturbüro kommt man an grosse Neubau-Aufträge nicht mehr so einfach heran wie früher.» Schröder verweist auf die Konkurrenz durch Generalunternehmer, die sämtliche Leistungen In-House anbieten können. «Wir haben uns auf die Nische Sanierung und Umbau spezialisiert und fühlen uns sehr wohl dabei», ergänzt Stamm.

Architektonisch gibt es in Urdorf laut Schröder einige Bauten, deren Daseinsberechtigung er nicht ganz nachvollziehen könne. Welche dies sind, will er nicht sagen. Schliesslich müsse er selber auch tolerant gegenüber anderen Vorstellungen von Ästhetik sein. Wenig Raum für Toleranz bieten hingegen Zahlen. Statistisch gesehen ist Urdorf nämlich eine Stadt, politisch betrachtet eine Gemeinde. Welchen Namen hat Urdorf aus architektonischer Sicht verdient? Keine Frage: «Für mich ist und bleibt Urdorf eine Gemeinde.»

Vision ausgeführt

Wenige hundert Meter den Hang hinauf an der Schönheimstrasse liegt das Pfarramt Bruder Klaus mit dem eingerüsteten Pfarr- und Verwaltungsgebäude. Nebst der umfassenden Sanierung der Pfarrwohnung und der Büroräume bauen die Architekten einen kubischen Anbau, der die Platzprobleme löst. Darin werden das Foyer, das Sekretariat sowie Unterrichtsräume untergebracht. Eine Wand ist jedoch etwas Speziellem vorbehalten. «Wie beim Bau des Servicezentrums der Solvita könnte hier eine Fläche für Kunstwerke entstehen», so sagt Schröder.

Der Anbau ist bereits heute im Rohbau fertig, der Innenausbau wie auch die Umgebungsgestaltung kommen voran. Speziell an diesem Projekt: Bereits die Architekten des vor 50 Jahren erstellten Pfarrhauses, Hansjörg und Otto Sperisen, sahen einen Anbau in dieser Form und Grösse vor: «Wir vollenden so quasi ihre ursprünglichen Pläne», sagt Schröder. Tatsächlich fällt auf, dass sich der Anbau perfekt zum bestehenden Gebäude gesellt. Auch die unmittelbar benachbarte katholische Kirche fügt sich in das Gebäudeensemble ein. Kein Wunder, denn auch dieses sanierte das Architekturbüro Meyer erst vor wenigen Jahren. Der Erkernische der Marienkapelle verpassten die beiden Architekten damals ein Glasoberlicht, was bei der Bevölkerung auf Begeisterung stiess.

Zeichnen als Schule fürs Leben

Zurück im «Silver Cube», übrigens ein weiteres Gebäude in Urdorf aus der meyerschen Feder, sind die Wände im Büro mit Visualisierungen spezieller Projekte behangen. Dass es sich um den Sitz eines traditionsreichen Architekturbüros handelt, merkt man schnell – in diesem Jahr wird das 60-Jahr-Jubiläum gefeiert. Produktinformationen vieler Fachfirmen sind in Broschüren in einem mehrere Meter hohen Regal zu finden: «Das Internet wird hierbei jedoch immer wichtiger», gibt Schröder zu. Worauf er jedoch besteht, ist, dass der Lernende Edmund Gaschi nicht von Beginn seiner Ausbildung an, Baupläne mit Computern erstellt. So findet sich auf seinem Pult eine Papierrolle, viele Lineale und schwarze Stifte. «Dies erfordert absolute Präzision – eine Lektion fürs Leben sozusagen.»