Felix Bächli kommt direkt vom Physiotherapeuten zum Interviewtermin. Im November hat sich der 77-Jährige einen Oberarm und vier Rippen gebrochen. Sicher ein Töffunfall? Von wegen. Treppensturz im Tessin. «Ich wollte beim Runtergehen etwas aus der Manteltasche ziehen und habe nicht auf die Stufen geachtet.» Ansonsten ist er die Ruhe selbst und freut sich auf das Gespräch zum 50-jährigen Jubiläum seines Harley-Heaven. Und er hat Zeit – im Gegensatz zu Sohn Rainer, der das Gespräch mehrmals wegen wichtiger Kundschaft unterbrechen muss. Wenn Rainer aber mal sitzt, verströmt er Freundlichkeit und pure Lebensfreude.

Herr Bächli, hat Ihr Vater Sie gedrängt, zu übernehmen?

Rainer Bächli: Nein, gar nicht. Ich habe erst Unterhaltungselektroniker gelernt und erst auf dem zweiten Bildungsweg mit 20 Motorradmechaniker. Benzin liegt in unserer Familie halt doch im Blut.

Ab wann fanden Sie Töfffahren spannend?

Rainer Bächli: So im üblichen Alter mit zehn oder elf Jahren.

Was ist so toll an den Maschinen von Harley-Davidson?

Felix Bächli: Dass ich mich auf Harleys spezialisiert habe, war Zufall. Eigentlich war ich ein Indian-Fan. Ich besass mehrere Modelle dieses Herstellers. Aber dann habe ich ein paar Occasions-Harleys gekauft. Die Indians wurden nur bis zum Beginn der 1950er Jahre hergestellt. Leider besitze ich keine mehr, ich habe alle verkauft.

Rainer Bächli: Mir gefällt der «American Way of Life». Mit einer Harley durch die Landschaften zwischen Los Angeles und Las Vegas, nach Santa Monica auf dem Highway Number one zu brausen, dazu die amerikanischen Motoren mit ihrem coolen Sound zu hören, die Vibrationen zu spüren – das ist unvergleichlich. Bei den Harleys ist das «Look and feel» wichtig, das Cruisen. Man fährt mit dem Töff, nicht auf dem Töff.

Felix und Rainer Bächli fahren in den 1970er Jahren die Mama spazieren.

Felix und Rainer Bächli fahren in den 1970er Jahren die Mama spazieren.

Die Jubiläumsfeier findet gut getimed zum Saisonstart statt. Wie gehen die Geschäfte?

Rainer Bächli: Wir haben in den letzten Jahren viel investiert, das macht sich bezahlt. Bei Harley-Davidson in den USA nennt man unser Geschäft das schönste in Europa. Durch die Erweiterung und den Umbau ist die Kundenerwartung allerdings noch höher als vorher. Hinzu kommt, dass Motorräder in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden sind. Wir müssen den Bleistift noch spitzer spitzen.

Felix Bächli: Schweizweit hat es im letzten Jahr einen Rückgang im Motorrad-Verkauf gegeben. Das hat zum einen etwas mit weniger Modellneuheiten zu tun. Aber auch das Wetter spielte eine Rolle. Das war im letzten Frühjahr sehr schlecht.

Los ging es in einer Garage – wo sonst?

Die Anfänge liegen in einer bescheidenen, umgebauten Garage in Bellikon im Jahr 1967, als der Feinmechaniker Felix Bächli zum Zeitvertreib die Indian- und Harley-Maschinen seiner Freunde restauriert und wartet. Bald verkauft er auch Neumaschinen und erhält viel Mund-zu-Mund-Reklame. 1978 wird Bächli mit dem Segen des Werkes in den USA offizieller Harley-Davidson Händler. 1994 kann Bächli expandieren und eröffnet an der Dietiker Überlandstrasse das neue Betriebsgebäude des Harley-Heaven: 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für den «American Way of Riding».

Und die neue Generation steht schon in den Startlöchern. Junior Rainer macht eine Lehre als Motorradmechaniker. Danach zieht es ihn für ein Jahr an die Harley-Davidson-Quelle in Los Angeles und Daytona. Bei seiner Rückkehr bringt er den neuen Customizing-Trend mit: individualisierte Töffs. Das Label «Customizing by Harley-Heaven» wird gegründet. 1998 werden die Geschäftsräumlichkeiten um weitere 2000 Quadratmeter Fläche aufgestockt. Das Team vergrössert sich von 4 auf 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

2001 übernimmt Rainer die Geschäftsführung vom Vater. Kurz darauf ist der Harley-Heaven ganz oben angekommen; kein anderer Betrieb hat weltweit mehr Maschinen von Buell, einer Tochterfirma von Harley-Davidson, verkauft, als das Geschäft in Dietikon. Der «Buell Award» ist einer von vielen Preisen, den die Unternehmer einheimsten. Unter anderem gab es auch die Auszeichnung «Customer Satisfaction Award», die Auszeichnung für höchste Kundenzufriedenheit. 2010 beschäftigt das Unternehmen 33 Mitarbeiter.

Anlässlich des Jubiläums lädt der Harley-Heaven zum Feiern mit Live-Bands und Attraktionen ein. Am Freitag, 24. März, von 19 bis 23 Uhr, Samstag, 25. März, von 9 bis 24 Uhr und Sonntag, 26. März, von 10 bis 17 Uhr im Geschäft an der Überlandstrasse 74. (GAH)

Was hat es mit dem Customizing auf sich, mit dem die Kunden ihr Töff individualisieren?

Rainer Bächli:Den Besitzern ist eine persönliche Note, wichtig. Dafür stellen wir viele Optionen für Farben, Lenker, Reifen, Sättel und so weiter zur Verfügung. Will man sein Motorrad lieber breiter und tiefer, möchte man einen klassischen Chopper? Es sind fast keine Grenzen gesetzt. Der Katalog hat 800 Seiten. Meist bringen die Kunden ihre Maschinen auch über den Winter und lassen sie fünf bis sechs Monate von uns überarbeiten. Sie sehen dabei auch gerne zu.

Felix Bächli:Früher gab es so etwas nicht. In den 1990ern, als der Trend begann, haben manche deutlich mehr ins Customizing investiert, als der eigentliche Töff gekostet hat.

Führen Sie auch elektrische Töffs?

Rainer Bächli: Letztes Jahr hat Harley-Davidson das «Lifewire Project», eine Elektrotöff-Studie, vorgestellt. Das ist ziemlich gut angekommen. Ab 2020 soll es Thema sein. Aber es gibt noch Probleme zu lösen, vor allem was die Akkus anbelangt. Das Motorrad soll ja nicht wie ein Batterie-Transportfahrzeug aussehen.

Was halten Sie vom Standort Dietikon?

Rainer Bächli: Es gefällt uns sehr gut hier. Wir sind mehr als zufrieden. Die Lage ist gut, die Wirtschaft hat hier Potenzial. Dietikon ist von der Autobahn gut erschlossen, und der Flughafen ist nicht weit.

Können Sie verstehen, wenn viele Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder Motorradfahren?

Rainer Bächli: Ich verstehe, dass manche Respekt haben, und dass das jeder individuelle entscheiden muss. Wenn meine Frau Angst hätte, zu fahren, würde ich sie auch nicht dazu drängen.

Felix Bächli: Interessant ist, dass es mit Harleys praktisch keine Todesfälle gibt, denn eine Harley lädt nicht ein zum Schnellfahren. Das fühlt sich aerodynamisch an, als wäre man in einer Telefonkabine. Für die Harley-Fahrer steht nicht die Geschwindigkeit im Vordergrund, daher ist die Unfallrate sehr klein.

Häufig passieren Unfälle zum Saisonstart. Haben Sie einen Rat?

Rainer Bächli: Man sollte sich die Zeit nehmen, erst wieder eins zu werden mit seinem Motorrad.

Felix Bächli: Und Bremsungen und Kurvenfahren üben. Auch den Sicherheitskurs sollte man mal wiederholen.

Selbst schon einen Unfall gehabt?

Rainer Bächli: Ich hatte drei Unfälle, sie gingen alle glimpflich aus. Der Schwerste war auf einer Rennstrecke; da war ich eine halbe Stunde lang bewusstlos.

Felix Bächli: 1988 sprang mir im Death Valley ein grosses Rotwild vors Motorrad. Ich war mit 120 Stundenkilometern unterwegs. Beim Sturz riss ich mir alle Sehnen der linken Hand.

Gibt es etwas, was Sie den Autofahrern in Sachen Sicherheit sagen möchten?

Felix Bächli: Sie sollen nicht von Nebenstrassen auf die Hauptstrassen rausschiessen. Da hat ein Töfffahrer keine Chance.

Wie oft fahren Sie noch?

Felix Bächli: Seit diesem Jahr gar nicht mehr. Wenn mal in den Kurven die Angst kommt, dann ist es Zeit aufzuhören. Es war eine schöne Zeit, aber jetzt ist es gut.

Ist Motoradfahren für Sie etwas Romantisches oder etwas Sportliches?

Felix Bächli (ohne zu zögern): Es ist romantisch, weil man mit einer Harley nicht so schnell fährt, hat man Zeit, die Natur zu geniessen.

Rainer-Bächli: Für mich trifft «genuss-sportlich» es am besten.

Wie viele Frauen sind unter Ihren Kunden?

Rainer Bächli: Etwa 20 Prozent, Tendenz steigend.

Schon mal eine Frau als Sozia mitnehmen wollen, die sich über eine Helmfrisur beklagt hat?

Rainer Bächli: Nie erlebt.

Felix Bächli (lachend): Die sind alle schon vorher durch den Filter gefallen.