Es dämmert erst, und meist ist zu dieser frühen Stunde sonntags auch in Schlieren noch niemand unterwegs. Aber dieser Sonntag ist anders. Die reformierte Kirche ist hell erleuchtet. Männer in dunklen Anzügen, Frauen in festliche weisse Tücher gehüllt, mit Kindern auf dem Arm und an der Hand, huschen hinein. Vor der Tür stehen Kinderwagen, liegen Schuhe und es werden immer mehr. Die Kirche füllt sich. Priester in dunkelblauen, golden verzierten Gewändern singen und beten. Weihrauch betört die Sinne. Sind wir tatsächlich in Schlieren?

Eigenes Gotteshaus als Ziel

Zweimal monatlich öffnet die Reformierte Kirchgemeinde ihr Gotteshaus den orthodoxen Eritreern. Dann reisen die Gläubigen aus dem ganzen Kanton Zürich und manche gar aus dem Süden Deutschlands nach Schlieren. Es wird gebetet, getauft, geheiratet – und das dauert. Von sieben Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags. «Wir haben hier keine eigene Kirche», bedauert Tekle Haile. Der Eritreer bemüht sich seit Jahren darum, für seine christlich-orthodoxen Landsleute ein eigenes Gotteshaus zu finden. Bis dahin sind sie – wie viele andere Migrationskirchen auch – auf die Gastfreundschaft anderer Kirchgemeinden angewiesen. Sie ziehen von Kirche zu Kirche und beten auch mal in einem Altersheim, das ihnen einen Raum zu Verfügung stellt.

Taufe wie einst am Jordan

Im Kirchenkeller haben sich die Angehörigen der Täuflinge versammelt. Mütter und Väter, Onkel und Tanten, Grosseltern und Geschwister – alle stehen dicht gedrängt im kleinen Raum. Mädchen mit kunstvollen Zöpfchenfrisuren, Buben, auch die Kleinsten in dunklen Anzügen mit Fliege, schlüpfen zwischen den Beinen der Erwachsenen durch. In der vordersten Reihe haben sie den besten Blick auf das Geschehen. Acht splitternackte Säuglinge warten auf den Armen ihrer Eltern auf das grosse Ereignis. Sie wissen noch nicht, dass sie bald dreimal ins Wasser getaucht werden, dass ihnen der Priester ein volles Mass Wasser über den Kopf giessen wird.

Da hilft kein Weinen und kein Strampeln und auch das Kreuz, das ihnen anschliessend auf Stirn und Wangen gezeichnet wird, kann sie nicht beruhigen. Die stolzen Väter bannen diesen uralten Ritus auf modernste Chips und Speicherkarten und die Mütter wickeln ihre Kinder wieder in warme Tücher.

Für den Pfarrer ist es berührend

Auch Pfarrer Wildermuth zieht die Schuhe aus, bevor er «seine» Kirche betritt. «Ich respektiere die Sitten und Bräuche der Gastgeber, und heute sind das hier die Eritreer», meint er und fügt an: «Wir pflegen seit jeher Kontakt mit anderen christlichen Gemeinden in Schlieren. Jetzt kommen die Migrationsgemeinden dazu, das ist bereichernd.» Die Generation unserer Grosseltern, so Wildermuth, habe noch für die Basler Mission gesammelt und so quasi die christliche Kirche exportiert. Jetzt, wo diese Gemeinden zu uns kommen, sei es für ihn undenkbar, sie vor verschlossenen Türen stehen zu lassen. Hin und wieder setzt sich der reformierte Pfarrer auch mal für eine Stunde in einen eritreischen Gottesdienst. «Das ist berührend und eine echte Horizonterweiterung.»

Verbindung zum Kanton Zürich

Die eritreisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche ist eine christliche altorientalische Kirche. Dazu zählen jene Ostkirchen, die sich nach den Konzilen von Ephesos 431 n.Chr. und Chalcedon 451 n.Chr. von der römischen Reichskirche trennten. Die eritreische Kirche hat sich 1993, nach der Selbstständigkeit des Landes, von der äthiopisch-orthodoxen Kirche abgespalten. Kirchensprache ist noch heute Ge’ez – eine Sprache, die aber mehr und mehr durch die Alltagssprache Tigrynia abgelöst wird.

Den Kanton Zürich verbindet mit den Eritreern mehr, als man vermuten würde, waren doch auch die drei Zürcher Stadtheiligen altorientalische Christen. Wie viele Schulkinder hat wohl schon ein wohliges Gruseln gepackt beim Bericht über das Schicksal von Felix, Regula und ihrem Diener Exuperantius. Der Legende nach waren die drei Märtyrer koptische Christen aus Ägypten und dienten im 3. Jahrhundert in der Thebäischen Legion des römischen Heers. Weil sie ihren Glauben nicht verleugnen wollten, wurden sie vom römischen Statthalter am Ort der heutigen Zürcher Wasserkirche enthauptet. Sie nahmen ihre Köpfe unter den Arm und gingen dorthin, wo später das Grossmünster erbaut wurde.

Ursula Güttlin, Präsidentin der reformierten Kirchenpflege Schlieren, freut sich über die Gäste. «Wenn die Eritreer hier beten und singen, tut das auch unserer Kirche gut», meint sie. Die Vermittlung kam durch eine Anfrage des Zürcher Zentrums für Migrationskirchen zustande. Nach einer Probezeit schloss die Kirchenpflege mit den Eritreern im Juni 2009 einen Vertrag. Seither sind sie durchschnittlich zweimal monatlich zu Gast in der Kirche. Einige Vorkehrungen seien zu Beginn schon zu treffen gewesen, erzählt Güttlin. So musste der Kirchensigrist zwei Haken in die Wand bohren, damit die Gäste ihren roten Vorhang spannen können, den sie für die Zeremonie brauchen. Und im Brockenhaus wurde ein grosser Schrank erworben für die Gewänder, Kreuze und das heilige Buch.

«Wichtig ist uns auch, dass der Weihrauch vor Beginn unseres eigenen Gottesdienstes wieder verflogen ist», betont Güttlin. «Die Kirche darf den uns vertrauten Geruch nicht verlieren.» Manchmal höre sie, dass nicht alle Gemeindemitglieder einverstanden sind und Wildermuth ergänzt: «Ich werde hin und wieder gefragt, was das für Leute sind. Wegen der Tücher, mit denen sich die Frauen verhüllen, vermuten manche, die reformierte Kirche habe ihre Türen den Muslimen geöffnet», schmunzelt er.

Während des ganzen Gottesdienstes herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die eritreischen Kinder sind wie alle Kinder. Lange stillsitzen ist nicht ihre Sache und die Mütter haben alle Hände voll zu tun, um für Ruhe zu sorgen. Aber noch brauchen die Kinder Geduld, denn nach der Taufe beginnt das Abendmahl und dann wird geheiratet. Auch diese Zeremonie folgt alten Riten. Männer- und Frauengruppen tanzen zu den Rhythmen einer Trommel. Das Paar wird in goldene Gewänder gehüllt. Wie ein Königspaar wirken die beiden. Doch dann ist auch dieser lange Gottesdienst vorbei, der religiöser und gesellschaftlicher Anlass zugleich ist. Die Schuhe werden wieder angezogen und die kleinen Kinder in die Wagen gepackt. Die Eritreer verlassen Schlieren und zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen. Ein Hauch von Weihrauch nur erinnert an die Gäste, und auch der ist bald verflogen. In Schlieren kehrt wieder der sonntägliche Alltag ein.