Es gibt etliche Räume, Höfe und Ateliers im Kleinbasel, in denen kulturelle Produktionen erdacht und veröffentlicht werden. Einige sind bekannt, betreiben Öffentlichkeitsarbeit und verteilen Flyer – andere leben genauso mittendrin und doch am Rand der Aufmerksamkeit, insistieren kaum sichtbar und auf kontinuierlich hohem Niveau auf ihre künstlerische Produktion.

«Le Salon bleu» zählt zu den Letzteren. Er liegt im Erdgeschoss eines Wohnhauses an der Haltingerstrasse und ist Proberaum, Zuhause und nicht zuletzt die Kulisse, vor der die Musikerin Claudia Sutter ihre Gäste in andere Welten mitnimmt. Mehrmals jährlich bittet sie zu musikalisch-literarischen Darbietungen. «Konzepte im Zeitspiegel» nennt sie sie im Untertitel. Sie will genau sein, nachdem sie sich mehrmals diesem Verdacht ausgesetzt sah: Der Salon sei kein Ort belangloser Unterhaltungsmusik. «Seit es ihn gibt – und das sind bereits 18 Jahre –, versuche ich, zu beschreiben, was es eigentlich ist, was ich da mache.»

Konzertpianistin und Lyrikerin

Das, was sich nicht auf Anhieb als Einheit zu erkennen gibt, zu verbinden, ist eine Spezialität von Claudia Sutters künstlerischer Praxis – ein lustvolles Unterfangen und ein Lebensthema zugleich: Denn dass das Klavier für sie, die über Jahre als Konzertpianistin die Welt bereiste, nicht das einzige Ausdrucksmittel bleiben sollte, hat sie langsam, gegen innere und äussere Widerstände anzunehmen gelernt. «Ich hatte ja Komposition studiert. Aber ich tat so, als würde das nicht dazugehören. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste bleiben, was ich schon war.»

Bis jene Seiten mehr und mehr in den Vordergrund drängten, die nicht zur Pianistin gehören wollten: Die Stimme, die auch im Gespräch sekundenschnell die Farbe wechseln kann; das Chanson, das den Zugang zu einem neuen Repertoire eröffnete; nicht zuletzt die Lyrik, die Claudia Sutter umtreibt, seit sie zwanzig ist.

Heute bekennt sich die Künstlerin zu ihren vielen Möglichkeiten, Rollen und Identitäten, für die sie «Le Salon bleu» erfand und betreibt: Komponistin, Interpretin, Dramaturgin, Lyrikerin, Sprecherin, auch Objektkünstlerin und in all dem immer: Forschende. «Eigentlich bin ich eine Basler Intellektuelle», fasst sie selbst zusammen und meint es so, auch wenn sie weder eine lange Publikationsliste noch einen universitären Lehrstuhl nachweisen kann. Wenn ein Motiv, ein Thema oder eine Gestalt ihr Interesse weckt, bricht Claudia Sutter zu einer umfassenden Recherche auf. Sie sichtet Partituren und wissenschaftliche Texte, geht dem Glück und dem Drama des Menschseins in Gegenwart und Vergangenheit auf den Grund. «Gnadenlos» nennt sie ihren Drang, die Dinge zu Ende zu denken, Querverbindungen aufzudecken.

Sprach- und Tonexperimente

Dem psychologischen Profil des ritterlichen Lancelots hat sie musikalisch Tiefenschärfe gegeben, die Farbe Blau besungen oder mit «Einhorn, Lindwurm, Winselmutter» im letzten Jahr jene Fabelwesen in Erinnerung gerufen, die unserem rationalen Selbstverständnis immer wieder entwischen. «Ich bin bei jeder Vorbereitung intensiv damit beschäftigt, jeden Ton in mir zu verankern.» Claudia Sutter folgt dabei einer grossen Überzeugung: «Wenn ich ganz bei mir bin in Sprache und Ton, dann kann jeder einzelne im Publikum auch bei sich ankommen. Das ist ein immer wieder spannendes Experiment.»

Am Samstag bietet sie das Publikum erneut zu einer Reise durch Zeit- und Mentalitätsräume auf: «Bettgeflüster» heisst ihr jüngstes Programm. Im Titel keimt die Erwartung an erotische Spiele. Doch diese bleiben nicht der einzige Strang: Der Abend gilt dem Bett in seiner kulturhistorischen Tragweite. In einer präzis erdachten Dramaturgie aus Gesang, Lesung und Klavierspiel entrollen Claudia Sutter und die Sängerin Miriam Wettstein den Werdegang unserer Ruhestätte – des Orts der Liebe, der auch Geburt und Tod in sich aufnimmt. Neben Fragmenten wissenschaftlicher Herkunft hat der französische Erzähler Guy de Maupassant an der Partitur mitgesponnen sowie der um zwei Generationen jüngere, jüdische Autor Erich Mühsam. Wiegenlieder von Franz Schubert und Johannes Brahms, Träume und Albträume von Richard Wagner und Alban Berg reichern die Federdecken um musikalische Visionen an. Schlaf, des Todes Bruder, ist mit von der Partie in der Wort- und Klangcollage, die mit überraschenden Zäsuren aufwartet.

Bettgeflüster Le Salon bleu Samstag, 14. Januar, 19.30 Uhr, Haltingerstrasse 40. Eintritt 45 Franken (inkl. Apéro ). Anmeldung: sutter.bleu@bluewin.ch