Neujahrsvorsätze sollte man sich – wie auch grössere Ziele –, wenn man sie ernst meint, vorausschauend vornehmen und schriftlich festhalten. Das habe ich einmal gelesen und seither ziemlich gut beherzigt, mit ansprechendem Erfolg. Dieses Jahr sollte spät, nämlich gestern, noch ein Vorsatz hinzukommen.

Entgegen meiner Absicht selbstverständlich, verliess ich das Haus morgens ohne mein Handy – für einen Tag mit drei Sitzungen in drei verschiedenen Schweizer Städten. Der detaillierte Ablauf war natürlich – der zwischengerätlichen Kommunikation sei Dank – auch auf Tablet und Computer; beides hatte ich dabei, genau abgebildet. Dennoch musste ich mich organisieren – und darf gleich ein Loblied auf die Angestellten der SBB singen. Die Dame am Schalter in Lenzburg war so freundlich, mir ihren Festnetzanschluss zur Verfügung zu stellen, um wenigstens meinem Mann zu sagen, dass ich den ganzen Tag nicht erreichbar sei. Weil ich ihn nicht erreichte und auf den Zug springen musste, rief sie von sich aus dort nochmals an, um die Nachricht zu übermitteln – sehr aufmerksam!

Im Zug dann habe ich das von vornherein zum Scheitern Verurteilte dennoch versucht: mein Tablet einzuloggen, was aber nicht geht, wenn der dafür notwendige Code auf dem Handy landet, das zu Hause liegt ... Wäre es ein Geschäftsmodell, überlegte ich, an Bahnhofskiosken Einweg-Tages-Handys zu verkaufen? Da die meisten Menschen in unseren Breitengraden ohnehin keine Minute ohne einen Blick auf ihr Smartphone überleben würden, wird es vermutlich selten vergessen – also kein Geschäftsmodell.

Ich sollte aber noch mein Büro benachrichtigen, dass ich nicht erreichbar bin. Einen Mitfahrer bitten, der gänzlich absorbiert mit seinem Handy spielt (arbeitet, kommuniziert)? Irgendwie nicht. Also fragte ich den Kondukteur, ob er mir nicht freundlicherweise kurz sein Mobile ausleihen könne? Dieser überliess mir ohne Zögern sein Handy, bis er von seiner Kontrolltour, also gute zehn Minuten später, zurückkam – sehr dienstbereit, fand ich und bedankte mich.

Was dann folgte, war ein ruhiger und produktiver Tag. Die Lektüre für unterwegs (auf dem Tablet natürlich) konnte ich nicht nur spielend, sondern vor allem konzentriert bewältigen – was nicht überrascht, denn der durchschnittliche tägliche «Gebrauch» von Smartphones liegt bei rund drei Stunden, die fielen also schon mal weg. Eindrücklicher war: Der Fokus und die Ruhe in den Besprechungen fühlten sich – da ohne Ablenkung davor und danach, also ohne tausend andere Fragen und Pendenzen im Kopf – anders an als sonst; auf Unerwartetes reagierte ich offener, ruhiger und sicherer.

Erst mit dieser Einsicht fiel mir ein Buch wieder ein, das ich vor längerer Zeit gelesen hatte und beherzigen wollte – allerdings eben nicht in einen Neujahrsvorsatz gepackt und schon gar nicht schriftlich festgehalten hatte: «Meditation für Skeptiker» des Neurowissenschaftlers Ulrich Ott, der auf einleuchtende Weise darlegt, was eine der grössten «Krankheiten» heutiger Tage ist: der sogenannte «Default-Mode».

Dieser sinnigerweise der Computersprache entlehnte Begriff umschreibt das, was unser Hirn tut, wenn es gerade keine konkrete Aufgabe zu lösen hat: Es erinnert, denkt nach und plant. Das ist sinnvoll, weil wir so aus bisherigen Ereignissen lernen, Szenarien entwerfen und uns auf künftige Situationen vorbereiten. Das ist zwar schön und gut, kann aber auch des Guten zu viel sein. Denn dieser Modus kann sich verselbstständigen – mit dem Resultat, dass wir uns nur noch schwer auf eine Aufgabe konzentrieren und vor allem nicht mehr abschalten können. Was nach esoterischer Lebenshilfe klingt, bestätigen auch die Neurowissenschaften: Übungen in Achtsamkeit erhöhen die Konzentrationsfähigkeit und die Intuition – zwei hoch hilfreiche Eigenschaften in komplexen Tätigkeiten (von denen drei Sitzungen in drei Städten ja nur die Oberfläche dessen abbilden, was konstant, kurz- und langfristig zu planen, leisten und bedenken ist ...).

Damit ist ein weiterer Neujahrsvorsatz gefasst – und hiermit auch bereits schriftlich festgehalten: Achtsamkeitsübungen machen, in intensiven Arbeitsphasen nicht erreichbar sein, oder vielleicht gar ab und zu wieder das Handy vergessen, am besten mit Ankündigung, denn damit entfällt die umständliche Organisation von unterwegs.

Katja Gentinetta Die promovierte Philosophin berät Unternehmen in gesellschaftspolitischen Fragen. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen und und moderierte bis Ende 2014 die «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen.