Die Spannung steigt in Frankreichs turbulentem Wahlkampf. Angesichts der zahlreichen Wirren und Wenden erstaunt es nicht, dass laut Umfragen 40 Prozent der Wähler noch nicht wissen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Umso höher war die Erwartung – und die Einschaltquote – beim TV-Streitgespräch auf dem grössten privaten TV-Sender TF1 am Montagabend.

Das Hauptinteresse galt dem Benjamin der fünfköpfigen Runde, dem Shootingstar Emmanuel Macron, der in den Meinungsumfragen mit 26 Prozent gleichauf mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen führt und in der Stichwahl klar gewinnen würde.

Eliteschulabsolvent präsentiert sich als neues Gesicht

Der 39-jährige Eliteschulabsolvent, der seinen ersten Wahlkampf überhaupt führt, versuchte seine Unerfahrenheit in einen Vorteil zu verwandeln, indem er sich ausdrücklich als „neues Gesicht“ präsentierte, während seine Gegenspieler „seit Jahrzehnten“ im Politgeschäft seien. Gegen die Egos seiner Widersacher hatte er aber rhetorisch einen schweren Stand.

Marine Le Pen gab sich entgegen ihrem Naturell betont gemässigt, um über den Front National hinaus Wähler anzuziehen. Diese Pose hielt allerdings nicht lange, behauptete sie doch wenig diplomatisch, sie würde als Präsidentin Frankreichs nicht die unterwürfige „Vizekanzlerin“ der Deutschen Angela Merkel spielen.

Laut einer Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Elabe fanden 29 Prozent der Zuschauer Macron am überzeugendsten. Dahinter kam der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon mit 20 Prozent. Rang drei teilten sich Marine Le Pen und François Fillon. Letzter der fünf Kandidaten war der Sozialist Benoît Hamon.

Le Pens Integration ins französische Politsystem

Beim Thema Islam und Laizismus gerieten die beiden Präsidentschaftsfavoriten hart aneinander. Le Pen warf Macron vor, er sei naiverweise gegen ein Verbot des islamischen Badekleids Burkini. Der Angesprochene konterte vehement, man dürfe nicht wegen eines minimen Problems eine ganze Bevölkerungsgruppe – die Moslems – stigmatisieren.

Auch wenn Le Pens Versuch, sich staatstragend und republikanisch zu geben, reichlich gekünstelt wirkte, erreichte sie ihr Ziel auf unausgesprochene Weise: Allein schon das Setting der Sendung erlaubte ihr nämlich, sich als sozusagen „normale“ Kandidatin zu präsentieren. Ungewollt realisierte die TV-Debatte damit Le Pens Integration ins französische Politsystem.

Das Duell Macron-Le Pen zeigte auch auf, wie sehr sich die Vorzeichen in diesem Wahlkampf, ja in Frankreich geändert haben: Die Vertreter der klassischen Linken und Rechten, die das Rennen seit Beginn der Fünften Republik im Jahre 1958 unter sich ausgemacht hatten, gehören erstmals zu den Aussenseitern. Der Konservative François Fillon, der in den Umfragen wegen seiner Affären nur noch auf 17 Prozent der Stimmen kommt, erreichte sein Hauptziel: Er konnte über politische Inhalte sprechen und damit von seiner Scheinbeschäftigungsaffäre – dem „Penelope-Gate“ - ablenken. Bewusst attackierte er Macron, der vor wenigen Tagen in Berlin Merkels Flüchtlingspoltik gelobt hatte: Bei dieser Million Zugeströmter handle es sich grosmehrheitlich um Migranten, nicht um Flüchtlinge, erklärte Fillon.

Mélenchon neben Hamon und Fillon am wortstärksten

Sehr politisch gab sich Benoît Hamon, der offizielle Kandidat der Sozialistischen Partei, der bei 13 Prozent stagniert. Er kritisierte Le Pens „widerliche“ Vorschläge und bezeichnte sich als „ehrlich“, was mehr als eine Spitze gegen Fillon enthielt.

Jean-Luc Mélenchon, von der Linken und den Kommunisten portiert und auf gleich viele Sympathiepunkten wie Hamon kommend, erwies sich einmal mehr als linkspopulistischer Volkstribun. Neben Hamon und Fillon gehörte er zu den wortstärksten Rednern. Das Aussenseiter-Trio bot den beiden Favoriten Le Pen und Macron damit nicht nur Paroli, sondern stellte sie zeitweise fast in den Schatten.

Der Verfassungshof in Paris hatte erst am Samstag nach Auszählung der 500 Patenstimmen die elfköpfige Kandidatenliste publiziert. Neben den fünf Schwergewichten treten sechs weitere Kandidatinnen und Kandidaten an, die mehrheitlich zur politischen Folklore Frankreichs zählen: die zwei Trotzkisten Nathalie Arthaud und Philippe Poutou, die zwei EU-Gegner Nicolas Dupont-Aignan und François Asselineau, dazu der Ewigkandidat Jacques Cheminade, der den Mars bevölkern will, und ein Hirtensohn aus den Pyrenäen, Jean Lassalle. (Mit Material der Nachrichtenagentur sda)